Borussia Düsseldorf holt das Triple.

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Unser Auslandsreporter und langjähriger VfL-Anhänger Uwe Weng hat uns folgenden Bericht zugeschickt:

Der Wettkampf zwischen Borussia Düsseldorf und Bayern München ist entschieden. Bayern München? Was die Fußballer aus Bavaria in diesem Jahr erneut verpassten, haben die Tischtennisprofis aus Düsseldorf als erste deutsche Mannschaft überhaupt geschafft: das „Triple“. Die Mannschaft um den Weltranglistenzweiten Timo Boll sicherte sich nach dem deutschen Pokal und der europäischen Champions League am vergangenen Mittwoch die deutsche Meisterschaft. Herzlichen Glückwunsch! Auf nationaler Ebene wurde die 23. Deutsche Meisterschaft und damit der 54. Titel in der Vereinsgeschichte gefeiert. Die regionale Presse titelt „Timo Boll tanzte die Triple-Samba auf der Platte“.

Bis es zum Freudentanz auf dem Tischtennistisch kam, sahen die Zuschauer über drei Stunden lang einen heißen Fight an Tisch 1. Gegner an diesem Abend war die Mannschaft von TTF Liebherr Ochsenhausen. Was früher Sporthalle am Staufenplatz hieß, trägt seit dem Umbau den Namen „ARAG CenterCourt“. Es war zugleich das erste Spiel nach der Modernisierung, so dass vor Beginn des Spiels noch eine kleine offizielle Einweihung mit städtischer Prominenz stattfand. Jetzt hat die Halle zwar eine Klimaanlage. Sie war aber während des Spiels nicht in Betrieb. Vielleicht hat man befürchtet, dass der Ball vom Winde verweht wird. Folgedessen fühlten 1400 Zuschauer im ausverkauften Haus ca. 99 Prozent Luftfeuchtigkeit. Brasilianisch ging es bereits während des gesamten Spielverlaufs her. Trompeten, Trommeln und Fächer des Hauptsponsors heizten die Stimmung immer wieder an. Wer sich als Tischtennisspieler bereits wegen Getuschel von der Bank beschwert, hat in der 1. Bundesliga nichts zu suchen, auch wenn es während der Ballwechsel verhältnismässig ruhig in der Halle war; kein Wunder bei Tischtennis vom Feinsten.

Bevor die Zuschauer in den Genuß von großem Sport kamen, durften sie sich noch einmal erheben und der deutschen Nationalhymne lauschen. Doch dann ging es endlich los. Die Ausgangssituation war klar. Borussia Düseldorf musste gewinnen, um den knappen 3:2 Hinspielsieg (mit 11:10 Sätzen) zu verteidigen. Zum ersten Spiel traten Timo Boll und Adrian Crisan an. Timo ließ es gemächlich gegen den Rumänen angehen und verlor prompt auch den ersten Satz. Crisan ist bekannt für seine Ausstrahlung. Selbst der Gewinn des ersten Satzes hob äußerlich nicht sein Selbstbewusstsein. Vielleicht wusste er auch, dass Timo ab dem zweiten Satz aufdrehen sollte. Timo nahm zunehmend das Zepter in die Hand und machte mehr aus dem Spiel. Verdient gewann er als der aktivere Spieler von Beiden auch das gesamte Match in vier Sätzen.

Das zweite Einzel bestritten dann Christian Süß und Chuang Chih-Yuan. Wenn man nach den aktuellen Weltranglistenpositionen geht, sollte der Taiwanese gewinnen. Nach den ersten beiden Sätzen sah es ganz anders aus. Christian punktete bei eigenem Aufschlag sehr häufig mit seinem super harten und schnellen Vorhandflip. Lange Ballwechsel kamen kaum zustande. Doch dann stellte Chuang sein Spiel um und versuchte, Christian abwechselnd rechts und links am Körper anzuspielen; ein gutes Mittel bei großen und kräftigen Spielern. Der Erfolg stellte sich mit dem Gewinn des dritten Satzes ein. Im vierten Satz gab es dann einen offenen Schlagabtausch. Im Finish behielt Christian die Oberhand und brachte Borussia Düsseldorf mit 2:0 in Führung.

Das nächste Spiel hätte bereits die Entscheidung zu Gunsten von Borussia bringen können. Doch der quirlige Seiya Kishikawa, der bis dato eine ganz starke Saison bei Borussia gespielt hatte, war aus dem Hinspiel gewarnt. Damals verlor er gegen den Portugiesen Tiago Apolonia mit 0:3. Zusätzlich hatte die Paarung seine eigene Brisanz. Seiya spielt in der nächsten Saison ebenfalls für Ochsenhausen (vor Apolonia). Vor dem ersten Ballwechsel konnten sich die Zuschauer erst einmal erholen und Luft schnappen. Das war auch gut so. Sie erwartete Ballwechsel, bei denen einem der Atem wegbleiben konnte. Es war das mit Abstand spektakulärste Spiel des Abends. Apolonia zeigte bereits im Hinspiel gegen Timo Boll, welches Talent in ihm steckt. Die Tischtennisshow ging am diesem Abend weiter. Topspinralleys am laufenden Band mit unglaublichen Winkeln zogen sich durch fünf Sätze Hochleistungssport. Dabei sah es in den ersten beiden Sätzen so aus, als würde der Portugiese erneut in drei Sätzen gewinnen. Seiya fand kein Mittel gegen die „Ballverteilmaschine“ Apolonia. Immer wieder machte er den Fehler mit der Vorhand. Aber Seiya kämpfte und gewann die Sätze drei und vier. Im fünften Satz führte zunächst Apolonia nach dem Seitenwechsel mit drei Punkten Vorsprung. Doch leichte Fehler brachten Seiya heran. Dann ging es wieder umgekehrt, so dass Apolonia verdient den ersten Punkt für Ochsenhausen holte.

Es war nun Timo Boll überlassen, den Siegpunkt und damit die Deutsche Meisterschaft zu holen. Er hatte zunächst aber einen sehr schweren Stand gegen Chuang Chih-Yuan. Chuang spielte Boll immer wieder mit langen, stark unterschnittenen Bällen auf seiner Rückhandseite an und nutzte im Fortgang des Ballwechsels die gesamte Tischbreite aus. Im vierten Satz war auch ein leichtes Kopfschütteln bei Timo zu beobachten, als er mit 2:5 hinten lag. Man beachte, dass Chuang mit 2:1 Sätzen führte. Doch dann drehte Timo auf und wandelte den Rückstand in eine 10:5 Führung um. Acht Punkte in Folge brachten ihn auf die Gewinnerstraße. Der fünfte Satz war dann nur noch Formsache. Was danach passierte, war für Tischtennisverhältnisse unglaublich. Timo sprang auf den Tisch und riss die Arme hoch. Wenige Augenblicke später folgten ihm seine Mannschaftskollegen, zu denen auch der Niederländer Trinko Keen gehört. Ringelreihen auf dem Tisch wurde getanzt. Die Halle stand Kopf und applaudierten standing ovation. Sportdirektor und langjähriger Bundestrainer der Damen Dirk Schimmelpfennig überreichte als ersten Spieler Timo Boll den Pokal. Was dann passierte ähnelte der Meisterschaftsfeier im Fußball. Konfettikanonen und Sektduschen waren angesagt. Erst langsam leerte sich die Halle. Die Spieler mussten aber noch viele Interviews geben, bevor sie in der Kabine die Feier fortsetzen konnten. Ohnehin war das Medieninteresse sehr groß. Bereits wenige Minuten nach einem Einzel mussten Spieler wie Timo und Christian den Moderatoren und Reportnern Rede und Antwort stehen; eine Situation, wie sie vor ein paar Jahren unvorstellbar im Tischtennissport war.

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